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Leise und wirksam

Introvertiert in einer Welt voller extravertierter Angebote.


Ich stehe auf der Bühne, leite Gruppen an, modierere, singe vor vielen Menschen... das ist doch alles sehr im Außen? Es macht mir auch richtig viel Spaß!

Ich mag nicht unbedingt: Smalltalk nach Events, laute Bars + Gespräche in diesen Settings, ich muss nicht mehrmals in der Woche mit Gruppen unterwegs sein, ich tendiere nicht in das Laute - Das spricht doch eher für's Innen?


Lange dachte ich, ich sei definitiv extravertiert - habe diesen Außen-Innen Widerspruch in mir kleingeredet oder ignoriert. Trotzdem spürte ich die Diskrepanz auch körperlich.


Als ich vor ein paar Jahren Susan Cain's "Still" gelesen habe, ging mir ein Licht auf. Sie beschreibt etwa die Geschichte eines sehr beliebten und introvertierten Professors, der studierendenstarke Vorlesungen hält und Academia-Events besucht. Jedoch wird erklärt, wie er sich auf diese Events vorbereitet: indem er etwa eine zeitliche Limitierung für den Besuch festlegt.


Die zwei Tendenzen

C.G. Jung, Begründer der analytischen Psychologie beschrieb die beiden Gegensätze Intro- und Extraversion. Zu erwähnen ist, dass es sich um Tendenzen handelt. Mensch ist weder rein intro noch extra. Abhängig von Kontext, aber auch vom jeweiligen Alter und Moment im Leben kann eine Seite dominanter sein. Als junger Mensch, Kind und Jugendliche habe ich mich als sehr extravertiert wahrgenommen und verhalten. Die introvertierte Seite war aber spürbar. Nun ist es umgekehrt.


Oft wird Introversion mit Schüchternheit gleichgesetzt. Das stimmt nicht. Es geht eher darum, wie sich Menschen stärken, ihre Energien aufladen. Und auch hier handelt es sich um Tendenzen, die nicht für jede Person so stimmen müssen:

  • Extravertierte etwa blühen auf in Menschengruppen: es darf viel passieren, viele Eindrücke, laute Impulse, viel Action und häufige Treffen mit Gruppen. Extravertierte sind oft spontan, gesprächig und aktiv.

  • Introvertierte laden ihre Batterien eher in der Ruhe auf: mit sich, mit Spaziergängen in der Natur, mit tiefgehenden Gesprächen im engen Familien- oder Freund*innenkreis. Introvertierte sind oft tiefgründige, substanzreiche (Viel)-Denker*innen, empathische Beobachter*innen, schätzen deep talk und können gut zuhören.


Achtung: Es handelt sich um grobe Tendenzen. Ich kann nur empfehlen zu verstehen und anzuerkennen ob mensch eine stärkere Seite hat und diese als Potenzial wahrzunehmen.

Unsere Welt ist eine Welt voller extravertierter Angebote:

Social Media, Selbstvermarktung, IG AGs, Networking, Afterwork Drinks. Es dominiert das extravertierte Ideal: nach außen orientieren, teamfähig sein, gesellig sein.

Wie schaffen es Introvertierte (oder Menschen mit starker introvertierter Tendenz) in dieser Welt? Denn eines ist klar, wir brauchen beides um in Balance zu sein.


Meine Tipps und persönlichen Erfahrungen

Verstehen und Anerkennen:

Je nach dem wie mensch mit sich und zu sich steht, ist es wichtig die eigenen Potenziale und Grenzen anzuerkennen und schließlich auch zu vermitteln. Für mich war es schwer als Musikerin, Performerin,... von Parties früh zu gehen oder zu mir zu stehen, wenn sich Menschen nicht an Vereinbartes gehalten haben. Mein Tipp: Kommunizieren (am Besten von Anfang an und mit einer dir zugewandten, anerkennenden Art)! Du kannst, je nach Kontext freundlich, wertschätzend aber klar kommunizieren, dass du gerne auf einen Drink bleibst und dich dann auf ein baldiges Wiedersehen freust!


Sicherer Rahmen:

Für Menschen mit starker introvertierter Tendenz ist es häufig hilfreich zu wissen, was passieren wird. Wie läuft das Meeting ab? Gibt es Moderation? Wann hat wer das Wort? Wie ist die Rollenverteilung? Als auf der Bühne-Stehende habe ich Gewissheit das Wort zu haben. Ich plane meine Events, Workshops, Seminare oder Konzerte genau durch. Es hilft mir als Sprechende, Singende und Organisierende. Es gibt mir Sicherheit, Ruhe und Raum um gehört zu werden. Klare Rolle, Klarer Plan, Klarer Ablauf = Ruhe. Wenn du in deinem Team selbst keine Leitungsfunktion hast und der Gestaltungsrahmen von anderen abhängt, sprich mit deiner Führungskraft - schlage ein moderiertes Meeting, ein anderes Raumsetting, oder bestimmte Redezeiten vor. Sprich dich mit Kolleg*innen ab. Überlege dir ein Setting, das dir Raum und Sicherheit gibt und mache etwa im Mitarbeiter*innengespräch Vorschläge. Überlege dir auch gleich 1 oder 2 Alternativen - sollte der erste Vorschlag nicht übernommen werden können.


Vorbereitung:

Menschen mit starker introvertierter Tendenz mögen oft Sicherheit. Um sich selbst Sicherheit zu geben, hilft Vorbereitung. Mit Vorbereitung und später auch Routine kommt Sicherheit und vielleicht auch Spontaenität ;). Ich bereite meine Moderationen gerne genau vor, natürlich auch im meinen Ansprüchen gerecht zu werden. Ich habe eine bestimmte Idee, möchte etwa eine Geschichte erzählen, abseits von bestehenden Floskeln in die Tiefe gehen - Hier hilft Vorbereitung. Mit der Zeit kann sich die Art zu Kommunizieren und Aufzutreten auch internalisieren.


Zuhören als Powertool:

Sprechen ist Silber, Schweigen ist Gold. Nun, solche Sprüche müssen kritisch betrachtet werden, denn sie kommen oft aus alten Zeiten - sprechen für andere Gesellschaftsschichten oder Hintergründe. Ich würde den Spruch wertfrei gestalten und beides: nämlich Sprechen und Zuhören gleichstellen. Verständnis und Kommunikation gelingt, wenn wir sowohl selbst für uns sprechend einstehen sowie zugewandt zuhören. "Introvertierte" haben oft ein starkes Zuhör-Ohr - Aktives (Rodgers!) und echtes Zuhören ist ein absolutes Powertool für gelungene Kommunikation! Baue es aus und mute dir gleichzeitig zu, zu sprechen!


Tiefgang:

Wieviele Menschen sind eher introvertiert? Studien sprechen von unterschiedlichen Zahlen. Vermutlich sind es etwa 30-50% die eher introvertiert sind. Wie gesagt sind die Tendenzen auch abhängig vom Kontext, der Rolle, dem Moment. Beziehen wir uns jedoch auf die 30-50% sind das eine Menge an Menschen mit der introvertierten Tendenz. Auch wenn viele Menschen an den lauten Angeboten teilhaben - vielleicht auch, so wie ich früher, weil sie dachten sie müssten - stecken dahinter eher Introvertierte. Ich finde das sehr erbaulich! Menschen mit Tiefgang - Liebe für tiefgehende Gespräche und Verständnis - gibt es zu Hauf. Wenn du jetzt denkst:"ich bin einfach sehr leise und niemand hört mir zu", dann gibt es vermutlich viele andere, die auch so denken! Diese Aussage ist also einfach nicht zu 100% richtig! Vielleicht warst du bist jetzt eher in lauten, impulsüberladenen, extravertierten Kontexten unterwegs? Es gibt die richtigen Räume, es gibt Strategien und es ist absolut notwendig beide Tendenzen in dieser Welt zu leben.


Stimm- und Kommunikationstraining:

Je klangvoller und offener deine Stimme ist, desto mehr Raum kannst du dir nehmen. Je klarer deine Worte sind, desto klarer kannst du deinen Raum gestalten. Stimm- und Kommunikationstraining kann dir helfen. Deine Potenziale anzuerkennen steht jedoch vor dieser Reise! Du hast es in der Hand!


PS: Tipp: Und da Menschen mit introvertierter Tendenz auch oft zu Perfektionismus neigen (kann auch für Extravertierte gelten): Heiter Scheitern! Momente verfliegen ;)!


Tipps zum Nachlesen und -Schauen und -Hören:

Susan Caine: Still - Die Kraft der Introvertierten

Terra Xplore: Introvertiert | extrovertiert: Wer ist glüclklicher? - Terra Xplore mit Eric Mayer & Moritz Neumeier: https://www.youtube.com/watch?v=x_un3Ojno7Y

Ö1 Radiokolleg 5.-8.2.2024: Introvertierheit Stille Stärken https://oe1.orf.at/programm/20240205/749349/Introvertiertheit-Stille-Staerken-1


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